Grußwort Heiko Maas

Deutschland ist ein starkes Land, auch weil hier alle Menschen ihre eigenen Lebensentwürfe leben können. Deswegen ist so wichtig, dass diese Hirschfeld-Tage, diese Vielfalt feiern, und deutlich machen, wie wichtig es ist, sie ganz selbstverständlich und offen zu leben.

Wenn über 20 Prozent der Menschen laut einer Umfrage angeben, sie wollten nicht, dass Homosexuelle sich in der Öffentlichkeit küssen, ist da noch viel zu tun. Das Vermächtnis von Magnus Hirschfeld müssen wir gerade jetzt mit aller Kraft verteidigen, da politische Populisten erneut Ressentiments ansprechen, Homophobie wieder salonfähig machen und das überholte Familien- und Gesellschaftsmodelle der 1950er-Jahre wiederbeleben wollen.

Die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld setzt diesen Kräften ihr Engagement und ihre tollen Ideen entgegen. Dafür stehen diese Hirschfeld-Tage, dafür stehen aber auch die vielen weiteren Projekte der Stiftung. Seit ihrer Gründung vor fünf Jahren hat sie große Erfolge gefeiert, etwa mit „Fußball für Vielfalt“ gegen Homophobie auf dem Sportplatz oder mit ihrer Hirschfeld-Akademie.

Besonders wichtig ist auch das „Archiv der anderen Erinnerungen“, das Berichte von Zeitzeugen über ihre Erfahrungen mit staatlicher Verfolgung aus den 1950er und 60er Jahren sammelt. Damals galt Homosexualität als Straftat; in der DDR war sogar die lesbische Liebe zwischen Erwachsenen und Jugendlichen zeitweilig strafbar. Viele Menschen wurden einzig und allein wegen ihrer Liebe von der Justiz verfolgt und bestraft. Die Verurteilungen nach dem berüchtigten § 175 des Strafgesetzbuches sind aus heutiger Sicht ein klarer Verstoß gegen die Menschenwürde und damit verfassungswidrig. Deshalb setze ich mich dafür ein, dass die entsprechenden Strafurteile aufgehoben, die Betroffenen rehabilitiert und auch finanziell entschädigt werden. Im Oktober liegt mein Gesetzentwurf dazu auf dem Tisch.

Die Dokumentation im „Archiv der anderen Erinnerungen“ erinnert uns daran, wozu menschenfeindliche Ausgrenzung einst führte. Das macht uns noch sensibler, den alltäglichen Diskriminierungen entgegenzutreten, die es heute noch immer viel zu häufig gibt. Gegen solche Diskriminierung hilft auch das Allgemeine Gleichstellungsgesetz, das vor zehn Jahren in Kraft trat. Gegen großen politischen Widerstand wurde es damals durchgesetzt. Das Gesetz gibt Menschen gegen Benachteiligung am Arbeitsplatz, bei der Wohnungssuche oder beim Clubbesuch am Abend eine rechtliche Handhabe. Aber wir müssen den gesellschaftlichen Wandel auch jenseits der Gesetze vorantreiben. Das macht die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld mit ihren vielen Bildungsprojekten seit fünf Jahren ganz aktiv und sehr erfolgreich – und dafür möchte ich ihr und dem ganzen Team herzlich danken!

Die Aufgaben für die Stiftung werden auch künftig nicht weniger. Die vielen Geflohenen, die seit 2015 zu uns gekommen sind, stellen auch die Stiftung vor neue Herausforderungen. Manche sind gerade wegen ihrer sexuellen Identität zu uns geflohen, anderen müssen wir helfen, etwaige Vorbehalte gegen die Vielfalt der Lebensentwürfe zu überwinden. Unser Grundgesetz verbietet Diskriminierung und garantiert die Freiheit und Gleichheit aller Menschen, die hier leben. Damit das nicht nur auf dem Papier steht, sondern auch im täglichen Leben gilt, engagiert sich auch die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld – bei diesen Hirschfeld-Tagen tut sie das mit einem Fachtag zu den LSBTTIQ-Geflüchteten.

Ich bin davon überzeugt, dass diese Werbung für Vielfalt ein wichtiger Beitrag zur Integration der Menschen ist, die jetzt zu uns kommen. Je selbstbewusster die Mehrheitsgesellschaft Vielfalt lebt, desto leichter werden auch die, die jetzt zu uns kommen, sie als Wert annehmen. Dann können auch sie dazu beitragen, dass Deutschland ein vielfältiges und starkes Land bleibt.

Heiko Maas
Bundesminister der Justiz und für Verbraucherschutz